Radio
   


You wish to see; Listen.
Hearing is a step toward Vision.

Nun mache ich also auch Radio. Es verwundert mich noch immer etwas, weil ich es nie geplant hatte. Aber nun, da ich begonnen habe, es mir dort einzurichten, wirkt es wie ein logischer Schritt.
Aus der Sicht einer Dokumentarfilm-Cutterin bedeutet die Arbeit für's Radio erstmal eine Befreiung. Jahrelang hat man mit Bildmaterial schwer überladene Behälter am Bildschirm hin und her geschoben, hat mal mehr und mal weniger aussagestarke Bilder hintereinandergehängt, kombiniert und umkombiniert, und hat versucht, mit diesem oft sperrigen Werkstoff verständliche und kohärente Geschichten zu erzählen.
Wenn das gelingt, kann es eine schwer reiche Angelegenheit werden, wenn nicht, eine zähe Last. In jedem Fall ist das filmische Produkt irgendwie gewichtig...
Und jetzt plötzlich diese Eleganz: man lässt das Bild einfach beiseite. Nur noch der Ton, leicht, beweglich, frei... Der Ton, der das Bild erzählt, evoziert, in Gedanken entstehen lässt, viel bunter, vielschichtiger und klarer als manches noch so pixelreich geschwätzige Filmbild.
Er hat so viele Spuren wie ich möchte, der Ton. Er kommt aus verschiedenen Richtungen und man erschreckt oder ist überrascht, weil man ihn nicht hat kommen sehen.
Der Ton macht Schluss mit talking heads und macht trotzdem Mimik und Gestik sichtbar. Der Ton erzählt Räume, die kein Filmset der Welt je bauen könnte. Und der Ton flüstert jedem ein anderes Bild zu, jedem sein eigenes, richtiges Bild.

Beim Radio zu arbeiten ist natürlich auf eine praktische Art einfacher, weil man sein eigener Regisseur ist und von nun an immer (ganz) selber Schuld. Beim Radio zu arbeiten ist auch organisatorisch einfacher, weil zwischen „Projektanfang“ und „Projektende“ nur wenige Wochen liegen.
Radio zu machen fühlt sich für mich an, wie zu den Ursprüngen des Films zurückzukehren. Was schon allein deshalb nicht stimmen kann, weil sich Film ja durch das Visuelle definiert. Vielleicht ist es also einfach diese archaische Art, Geschichten zu erzählen. Wenn sich am Abend alle ums Lagerfeuer versammeln und einer einzigen Stimme lauschen.
Außerdem fühlt sich Radiomachen nach analogem arbeiten an. Das vermisst man als Cutterin, wenn man tagein tagaus an einem Computer vor der Software sitzt. Aber ich meine damit jetzt nicht nur das Aufnahmengerät, das Mikro und die Kabel. (Letztendlich transportiert die Speicherkarte das ganze ohnehin wieder auf meinen Laptop, damit es dort geschnitten werden kann). Die Arbeit besteht aus Lesen und Recherchieren und Schreiben und vor allem Basteln. Viel Kleben und viel Collage: aus Texten und Wortspenden und Atmos und Soundtracks und Archivarischem und so vielen, vielen Stimmen, wie man möchte.
Vielleicht ist das Analoge aber auch mein Empfinden für diese alterwürdige Institution Radio. Weil Radio endlich wieder etwas ist, was orts- und materiegebunden ist. Ein Ort, an dem die Menschen ins Studio gehen, um zu senden. Und die Küche zu Hause, wo das Radiogerät steht, um zu hören. Zu bestimmten Uhrzeiten. Und dann ist man still, hält im Zwiebelschälen inne. Dann hört man Radio. Auch ohne Popkorn und ohne Werbung. Einfach Radio.

     
   

Eine großartige Radiomacherin war übrigens Delia Derbyshire, die in den 1960er Jahren für die BBC gearbeitet hat. Und sie hat wirklich noch analog aufgenommen und vor allem geschnitten:

„The Dreams“ (1964), a collage of people describing their dreams, set to a background of electronic sound.






Meine Beiträge sind auf Ö1 zu hören, an manchen Tagen und in folgenden Programmen:

Diagonal: Samstag, 17:05 bis 19:00

Moment. Leben heute: Montag bis Freitag, 14:40 bis 14:55