"Hausmärchen" - ein Dokumentarfilmprojekt
aus dem Waldviertel
   
     


„Ein noch nicht fertiges Haus und eine Ruine: das sind die Signaturen der beiden fundamentalen Haltungen zur Geschichte: Hoffnung und Melancholie“ (1)

 
 
   


Hausbesitzer: „Das Haus da drüben, das war früher die Volksschule. Eigentlich hat das Grundstück bis zum Bach runter uns gehört. Aber der Großvater hat es der Gemeinde gegeben, damit sie eine Volksschule bauen können. Einfach so, ein Handschlag hat da früher genügt, hat er das Grundstück verschenkt. Davor war das eine Wiese voll mit Obstbäumen und jeder einzelne Baum ist genutzt worden. Im Herbst ist der Keller mit Äpfeln voll gefüllt worden – und im Frühjahr hat man die verfaulten wieder heraus getragen“
Seine Mutter: „Jetzt verfaulen sie ja schon, wenn sie auf den Bäumen hängen. Das versteh ich ohnehin nicht. Wenn wirklich alles so radioaktiv ist, wie es immer heißt, dann müßten sich die Äpfel doch viel besser halten.
Hausbesitzer: „Geh, Mama. Na jedenfalls ist es jetzt ohnehin keine Volksschule mehr. Ein Wiener Ehepaar hat das Haus gekauft, damit sie am Wochenende raus aufs Land kommen können.“ (2)


„Nach den wirtschaftlichen Umbrüchen, die dazu führten, dass viele industrielle Bauten und Anlagen aufgegeben wurden, entwickelte sich in den 1970er Jahren ein neues Bewußtsein für die Bedeutung des Erbes. Die Architektur- und Technikgeschichte und die kollektive Erinnerung haben einer neuen Disziplin zu ihrem Recht verholfen: der Industrie-Archäologie. Unzählige lokale Initiativen kümmern sich heute darum, die Erinnerung an die Tätigkeiten und die Menschen wach zu halten, die einst zu diesen Orten gehörten.“ (3)


„Das schlimmste ist, dass es in der Umgebung keine Handwerker mehr gibt. Und auch keiner mehr weiß, wie was funktionieren würde. Dafür können wir jetzt in jedem zweiten Ort in ein Heimatmuseum gehen und uns die Werkzeuge dort anschauen.“ (4)


„Man wird freilich jene Friedlichkeit gern einem andern Motiv zuschreiben: dem Vergangenheitscharakter der Ruine. Sie ist die Stätte des Lebens, aus der das Leben geschieden ist - aber dies ist nichts bloß Negatives und Dazugedachtes, wie bei den unzähligen, ehemals im Leben schwimmenden Dingen, die zufällig an sein Ufer geworfen sind, aber ihrem Wesen nach ebenso wieder von seiner Strömung ergriffen werden können. Sondern daß das Leben mit seinem Reichtum und seinen Wechseln hier einmal gewohnt hat, das ist unmittelbar anschauliche Gegenwart. Die Ruine schafft die gegenwärtige Form eines vergangenen Lebens, nicht nach seinen Inhalten oder Resten, sondern nach seiner Vergangenheit als solcher.” (5)


„Ich habe ja schon einige Dokumentarfilme über das Waldviertel gesehen. Da sieht man dann immer ein kleines Dorf, das im Nebel liegt, und ein altes Mutterl rennt mit einer Milchkanne herum. Dabei gibt’s sowas gar nicht mehr. Und trotzdem sieht man es immer wieder in Filmen. Und dann dieses Mystische. Ich pfeiff auf das Mystische. Wir haben hier nichts Mystisches!“ (6)

         
   

(1) Hartmut Böhme, deutscher Kultur- und Literaturwissenschaftler

(2) Interview für den Dokumentarfilm „Hausmärchen“

(3) „Ruinen“ von Michel Makarius, Flammarion Verlag, 2004

(4) Interview für den Dokumentarfilm „Hausmärchen“

(5) „Die Ruine“, Georg Simmel, 1919

(6) Interview für den Dokumentarfilm „Hausmärchen“